Jörg König

Autor & Stand

Jörg König
02´2009


GEDANKEN ZU DEREK BAILEY (*1930 +2005) 
 


DEREK BAILEY UND JOHNNY RAMONE

Mitte der 80er habe ich Punkrock entdeckt. Und Derek Bailey. Beides hat mein Leben verändert. Noch heute bin ich bekennender Fan der Ramones, der ersten Punkband und immer noch fasziniert von deren Gitarrist Johnny Ramone. Und ich bin immer noch ein großer Fan des (neben Sonny Sharrock) ersten Free-Gitarristen Derek Bailey. Die erste Ramones-LP von 1976 drehte sich damals genauso oft auf meinem Plattenteller wie eine Platte, die ich durch Zufall in einem Billig-Platten und -Buchladen entdeckt habe: "Drops" von Derek Bailey und Andrea Centazzo aus dem Jahr 1977. Bedeutung und Einfluss sowohl der Ramones als auch Derek Baileys sind ja bis heute nach wie vor ungebrochen.

Die "Drops"-LP (1977; Ictus 003, erhältlich als Ictus Reissue Series 5, rdc 5037) ist eine von vielen Duo-Aufnahmen Baileys mit Perkussionisten. Es gibt einige mit Han Bennink (Company 3; 1976, Incus LP 25, Post Improvisation 1 und 2; 1999, Incus CD 34 und 35), einem seiner bevorzugten musikalischen Partner. Die Liste seiner Schlagzeug-Partner ist lang: John Stevens, Tony Oxley (Soho Suites Vol. 1 und 2; 1977/95, Incus CD 29/30), Jamie Muir (Dart Drug; 1981, Incus LP 41), Louis Moholo und Thebe Lipere (Village Life; 1991, Incus CD 09), Gregg Bendian, Susie Ibarra (Daedal; 1999, Incus CD 36), Cyro Baptista (Cyro; 1982, Incus CD 01), um nur einige zu nennen. Die besondere Ausrichtung der Schlagzeuger/Perkussionisten auf Zeitorganisation, Klangfarbe und Geräusch war es vielleicht, die sie für ihn als Duo-Partner besonders interessant erscheinen liessen. Andrea Centazzo, der italienische Perkussionist, ist ein absolut adäquater, phantasievoll agierender Duo-Partner, übrigens wie Bailey selbst auch Initiator eines eigenen Platten-labels: Ictus. Neben seinen Solo-, Duo- und Trio-Projekten (u.a. mit Steve Lacy, Evan Parker, Lol Coxhill) war er der erste europäische Improvisationsmusiker, der mit dem amerikanischen Avantgarde-Zirkel um John Zorn, Eugene Chadbourne und Tom Cora kooperiert und aufgenommen hat. Derek Bailey bevorzugt, was die kollektive Improvisation betrifft, völlig freie, offene Spielsituationen. Er erzeugt einen kontinuierlichen Fluss an musikalischen Ideen, die stets auf das Spiel seines(oder seiner) Mitspieler(s) unmittelbar bezogen sind. Sein enormer Ideenreichtum ist weniger harmonischer, melodischer, rhythmischer Natur, bzw. ist mit diesen Begriffen nur unzureichend zu erklären. Vielmehr liegt er in seiner höchst unkonventionellen und absolut individuellen Spieltechnik, die jedoch nie Selbstzweck, sondern immer auf das Unmittelbare, Konkrete, das Hier und Jetzt bezogen ist. Sein Gitarrespiel ist selten laut, häufig spielt er im Piano-und Pianissimobereich. Es gibt aber auch grell-verzerrte, harsche Noise-Passagen, die allerdings hauptsächlich dazu dienen, dynamische und klangfarbliche Kontraste zu setzten. (Natürlich ist die Lautstärke seines Spiels auch abhängig vom jeweiligen Kontext.) Überhaupt scheint er es besonders zu lieben, Klangfarben zu mischen und zu verbinden und hat darin eine außerordentliche Virtuosität entwickelt. Sein Spiel wirkt meistens abstrakt; ein schwebender, funkelnder, kaum fassbarer Klangfluss, manchmal homogen und in sich schlüssig, oder aber extrem sperrig und heterogen. Es gibt auch viel Lyrisches in seinem Spiel: ruhige Passagen mit klaren, einfachen Linien, zarten Obertönen, ausklingenden Akkorden, wunderbar schwebenden Klängen, schnelles, dichtes Gewirr aus komplexen Linien, Akkordblöcken, Splitterklängen, Rückkopplungen, Lärm, --- Stille.

FREE JAZZ AUF DER AKUSTISCHEN GITARRE

Im Free Jazz der 60er Jahre war die Gitarre ein exotisches Instrument. Es gab nur Sonny Sharrock und Derek Bailey. Seit ca. Mitte der 70er Jahre hat Bailey viele Platten herausgebracht, auf denen er akustische Gitarre spielte, meist solo, aber auch im Ensemblespiel. Diese Tatsache war für mich sehr interessant, denn ich besaß bis 1987 nur die Aria-Konzertgitarre, auf der ich in meiner Jugend gelernt hatte und ich hatte schon einigen Free Jazz gehört: Ornette Coleman, John Coltrane, Albert Ayler, Sun Ra, Cecil Taylor, Peter Brötzmann etc. Aber Free Jazz mit akustischer Gitarre? Das war völlig neu für mich; nie habe ich etwas derartiges gehört, bis ich Derek Bailey entdeckt habe. Etwas später habe ich dann auf dem Fort Paul-Festival im Kölner Volksgarten zum ersten Mal die so genannte freie Musik live erlebt. Neben Tristan Honsinger, Phil Minton, Willi Kellers und vielen anderen waren dort auch die Gitarristen Erhard Hirt und Peter Cusack beteiligt. Dadurch inspiriert, begann ich, was ich vorher nie ernst nehmen konnte, auf meiner akustischen Gitarre frei zu improvisieren und zu experimentieren. Das hiess zunächst einmal, alles zu ignorieren, was ich vorher gelernt hatte, allerdings auch ein nicht zu leugnender Dilettantismus. Die klanglichen Möglichkeiten der E-Gitarre zu erforschen, lag dann natürlich sehr nahe. Mir wurde erst später klar, das Bailey ein Gitarrist war, der alles drauf hatte, das ganze Old Style-Zeug: In den 50er und frühen 60er Jahren spielte er alle Arten von Unterhaltungsmusik in Nachtclubs und Fernseh- und Rundfunkstudios, mit Tanzorchestern, als Begleiter von Sängern - und konventionellen Jazz. Alle diese Musiken verlangten selbstverständlich auch ein hohes Maß an improvisatorischen Fähigkeiten. In der Tat hört man auf den frühesten Solo-Aufnahmen von 1966 (2002 veröffentlicht auf "Pieces for guitar"; Tzadik TZ 7080) den Einfluss von Jazz-Gitarristen wie Atilla Zoller ebendso deutlich heraus wie die radikale Abkehr vom Jazz und überhaupt von jeglichen Vorbildern auf den 1967 entstandenen Aufnahmen. Bailey ist zu dieser Zeit auf der Suche nach einem Gitarrestil, der zu seinem Interesse an einer total improvisierten Musik optimal passt(und wird dies, nebenbei gesagt, bis an sein Lebensende sein).Dazu scheinen ihm sämtliche Genres(er benutzt den Begriff Idiome), auch solche, in denen Improvisation praktiziert wird, aufgrund ihrer Gebundenheit an kulturelle und ethnische Traditionen ungeeignet. Er hört intensiv Aufnahmen mit den Kompositionen Anton Weberns, die ihn stark beeinflussen. Es geht nicht mehr um große Formen, Spannungsbögen, lange, ausufernde Entwicklungen, sondern um kurze Fragmente ohne Anfang und Ende, extreme Reduktion und Konzentration. Diesen Einfluß kann man sehr deutlich in seinen Aufnahmen aus den späten 60ern und frühen 70ern ausmachen; besonders gut auf "Solo guitar Vol.1" (1971; Incus CD 10) und den Trio-Aufnahmen "Iskra 1903" mit Paul Rutherford (Posaune) und Barry Guy (bass) (Incus LP 3/4; das gleiche Material befindet sich auf "Iskra 1903 Chapter one 1970-72"; Emanem 3-CD 4301). In diese Zeit fällt auch die Gründung des musikereigenen Plattenlabels Incus, das Bailey zusammen mit zwei anderen englischen Improvisatoren, dem Schlagzeuger Tony Oxley und dem Saxophonisten Evan Parker betrieb. (Sowohl Oxley als auch Parker stiegen einige Jahre später aus.) Die erste Incus-Platte "Topography of the lungs" von 1970 (Incus LP 1; CD: psi 06/05) ist sehr bemerkenswert, denn hier treffen Bailey und Evan Parker, der geniale Saxophonist - beide arbeiteten schon seit 1967 im Spontaneous Music Ensemble des Schlagzeugers John Stevens (CD: "Karyobin", 1968; Chronoscope CPE 2001-2) und seit 1969 in der Music Improvisation Company zusammen (Music Improvisation Company, 1969-70; Incus CD 12) und haben ein sehr spezifisches Zusammenspiel von Saxophon und E-Gitarre entwickelt, auf das ungestüme Schlagzeugspiel des Holländers Han Bennink. Es sei erwähnt, das Evan Parker und Han Bennink, seltener auch Derek Bailey 1968-70 zeitweise in den Gruppen des Wuppertaler Free Jazz-Saxophonisten Peter Brötzmann zusammengespielt haben.

NON-IDIOMATISCHE IMPROVISATION

Dieser von Derek Bailey geprägte Begriff beschreibt eine Improvisationspraxis, die kennzeichnend für einen großen Teil der freien Musik der späten 60er, 70er, zum Teil auch noch der 80er Jahre war: Es geht darum eine vollkommen improvisierte Musik zu spielen, bei der spontane Interaktion dadurch ermöglicht wird, das jederzeit absolute Freiheit in der Wahl des musikalischen Materials besteht. Allerdings wollte man auf herkömmliche Idiome wie z.B. Jazz keinen Bezug mehr nehmen. Dies führte zu einem gewissen Dogmatismus, der die Gefahr der Herausbildung einer elitären Musiksprache, die ihrerseits zum Klischee werden kann, beinhaltete. Diese Gefahr ist von vielen Improvisationsmusikern längst erkannt worden. So haben z.B. Gitarristen wie Henry Kaiser, Elliott Sharp und Eugene Chadbourne Einflüsse aus Blues, Folk, Country, Bluegrass etc. in ihre Improvisationspraxis integriert. Ein Improvisator kann grundsätzlich jede Musikrichtung, die er für sich als Quelle der Inspiration entdeckt hat, in seinem Spiel, in welcher Weise auch immer, verarbeiten. Derek Baileys Musik lässt kaum Einflüsse anderer Stile oder Genres erkennen, er scheint sich ausschliesslich von seinen jeweiligen Spielpartnern beeinflussen zu lassen. Verfolgt man jedoch seine Entwicklung über die Jahre hinweg, kann man vielleicht feststellen, das sein Spiel vielseitiger, offener, fließender, auch emotionaler und humorvoller geworden ist.

KEINE ENGEN GRENZEN

Wenngleich Derek Bailey immer vollkommen kompromisslos in seinem Gitarrespiel war, so hat er doch immer wieder Kontakt zu Musikern jenseits des begrenzten Bereichs der Free-Imrov-Szene gesucht und mit ihnen zusammengearbeitet: Mit dem Altsaxophonisten und Jazzimprovisator Lee Konitz, mit den Konzeptionalisten Anthony Braxton ("Royal Vol. 1", 1974, Incus LP 43 / "Company 2", 1976, Incus LP 23) und John Zorn ("Yankees", 1980, Celluloid / "Harras",1995, Avan 056), mit den Free-Jazz-Pionieren Steve Lacy ("Company 4", 1976, Incus LP 26)und Cecil Taylor, dem Latin-Perkussionisten Cyro Baptista ("Cyro", 1982, Incus CD 01),seit den 90er Jahren mit Drum'n Bass-DJ's, Elektronikern aus dem Grenzbereich zwischen Avantgarde und Pop ("Plays Backs", 1998, Bingo BIN 004), mit dem japanischen Hardcore-Duo Ruins ("Saisoro", 1995, Tzadik TZ 7205 / "Tohjinbo", 1997, Paratactile PLE 1101-2), mit den Jazz-Drummern Tony Williams ("Arcana-The last wave", 1995, DIW 903) und Paul Motian und sogar mit Pat Metheny. Und nicht zu vergessen seine Zusammenarbeit mit den Tänzern Min Tanaka und Will Gaines. Ab 1976 realisierte Bailey seine Idee eines "Pools" von frei improvisierenden Musikern als Alternative zur festen Formation. Dieser Pool, "Company" genannt, bestand zunächst aus einigen europäischen Improvisatoren und drei Amerikanern (Anthony Braxton, Leo Smith, Steve Lacy) und wuchs kontinuierlich an. Zu der ab 1977 alljährlich stattfindenden "Company Week" lud Bailey improvisierende Musiker aus aller Welt ein, um in unterschiedlichen Besetzungen, vom Duo bis zur Großformation, miteinander auf der Basis von freier Improvisation zu musizieren. Die letzte Company Week fand 1994 statt. Es entstand daraus eine Reihe von Schallplatten, anhand derer man sehr schön die Entwicklung der Freien Musik seit 1976 verfolgen kann. Hervorheben möchte ich hier "Company 3" mit dem Bailey/Bennink-Duo, das Doppelalbum "Epiphany" von 1982 (Incus LP, 46/47)und "Fables by Company" von 1980 (Incus LP 36) mit Bailey, Evan Parker (Saxophon), Dave Holland (Bass)und George Lewis (Posaune). Das ist frei improvisierte Kammermusik per excellence in dem Sinne, das in jedem Moment alle Musiker völlig gleichberechtigt und aufeinander Bezug nehmend agieren - vollkommen ausgereifte und virtuose Improvisationsmusik, der zuzuhören einfach Spaß macht. Aber: Es geht um den Prozess, nicht um das Resultat, zu dem er führt!

LESEN UND HÖREN

Derek Bailey produzierte eine Fernsehserie über Improvisation und schrieb ein Buch: "Improvisation - it's nature and practice"; 1980 (Deutsche Ausgabe: "Improvisation - Kunst ohne Werk"; Wolke Verlag, 1987), das mittlerweile zur Standardliteratur zählt und meiner Meinung nach eines der wenigen lesenswerten Bücher zum Thema Improvisation ist. Im zweiten Teil des Buches geht er auch ausführlich auf seine eigene Praxis und Theorie ein. Der Schallplatten-Output Baileys ist riesig; ich habe mich deshalb entschieden, auf einen diskographischen Anhang zu verzichten. Die LP's und CD's, die ich im Text herausgehoben habe, sind solche, die ich selbst kenne und uneingeschränkt gut finde. Einige davon werden möglicherweise schwer oder überhaupt nicht mehr zu bekommen sein.
Suchen lohnt sich!!
Grundsätzlich empfehlenswert ist alles, was auf den Labels INCUS, EMANEM, ICTUS, TZADIK, SHANACHIE und GROB erschienen ist.





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